Erfahrungen

Lehrer sind unterschiedlich. Das darf und soll auch so sein. Allerdings ergeben sich bei der verbindlichen Lehrerempfehlung Probleme mit Chancengleichheit der Kinder.

Zwei Lehrer in Vergleich
Wolfgang aus München und Marta aus dem Altmühltal

Wolfgang unterrichtete im Schuljahr 2014/15 eine 4. Klasse in einer großen Grundschule in München.
Marta unterrichtete im Schuljahr 2015/16 eine 4. Klasse in einer kleinen Grundschule im Altmühltal.

Die Empfehlungsquoten hier als Tabelle:

Wolfgang in MünchenMarta im Altmühltal
Anzahl der Schülerin %Anzahl der Schülerin %
Gymnasialeignung1666943
Realschuleignung729419
Mittelschuleignung14838

War die Leistungsfähigkeit der Münchner Klasse höher?

Zwei Punkte sprechen dagegen

1. entsprechen diese Zahlen in etwa den Durchschnitten der Landkreise. Wer an der Behauptung der unterschiedlichen Leistungsfähigkeit eines gesamten Landkreises über Jahre festhielte, würde weiterhin auch behaupten, dass die Kinder im Altmühltal durchschnittlich signifikant dümmer sind als die Kinder in München. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen schließen so eine Schlussfolgerung aus.
Tabelle mit Durchschnitt Landkreis
2. waren dafür zu vielen anderen Dinge, zu unterschiedlich, dass sich mir die Schlussfolgerung aufzwingt, es lag nicht am niedrigeren Leistungsniveau der Altmühltaler Klasse.

Tatsächliche Ursachen für die Unterschiede des Leistungsniveaus

A) Motivation der Lehrer

  • Wolfgang zeigte jederzeit großes Interesse und große Freude daran, jedem einzelnen Schüler, die für ihn höchst mögliche weiterführende Schulart zu ermöglichen.
  • Marta bemerkte einige Male, dass man sich schon überlegen müsse, ob man einem Kind wirklich das Gymnasium antut. vor allem, wenn ein Kind per se kein 1er-Schüler war, schien sie einen Beschützerinstink zu entwickeln, um dem Kind ein unnötiges Leiden an der falschen Schule ersparen zu können. Vielen Eltern, deren Kinder tatsächlich dann doch die Gymnasialeignung erlangten, gab sie mit auf den Weg: „Überlegen Sie sich das bitte nochmals gut.“ und hinterlies bei Eltern sofort ein schlechtes Gewissen.

B) Grundhaltung zum Lernen zu Hause

Wolfgang ging davon aus, dass die Eltern gerne mit den Kindern zu Hause lernen dürften, wenn es nötig sein sollte. Er teilte den Eltern am 1. Elternabend des Schuljahres mit:
  • wo die Eltern im Klassenzimmer die Materialien der Kinder nachsehen und holen könnten, falls sie sie in der Schule vergessen hätten.
  • dass die Kinder mindestens 8 Tage vor einer Probe den Stoff mit Kreuzchen in den Heften erfahren würden und der Stoff so von den Eltern nachvollziehbar sei.
  • Er gab jeden Freitag einen Wochenplan für die kommende Schulwoche raus. Das war ein Stundenplan, der widerspiegelte, was genau in der Schulstunde behandelt werden würde, was die Haushausgaben sein werden und bis wann man sie machen müßte. Er betonte an dieser Stelle auch, dass Schüler diese Hausaufgaben auch gerne die Tage vorher machen dürften, falls sie mal zum Zahnarzt müßten oder lieber auf die HSU Probe lernen sollten.
  • Man könne ihn auch immer per Mail befragen, er würde die Mails täglich lesen und beantworten.
  • Auch wurde die probefreie Zeit für das gesamte Schuljahr vorweg genannt.
Marta thematisierte den Übertritt am ersten Elternabend ausschließlich so: „Üben Sie keinen Druck auf die Kinder aus! Lernen Sie nicht mit Ihren Kinder, die Vorbereitungen übernehme ich.“ Diese Aussage läßt sich interpretieren als:
  • „Mischen Sie sich nicht in meine Angelegenheiten ein.“
  • „Es ist schädlich, wenn man die Kinder zuhause noch zusätzlich vorbereiten läßt.“
  • „Wenn Sie mit den Kindern zusätzlich etwas arbeiten, verursachen Sie selbst den Druck in der 4. Klasse, nicht der Lehrer und nicht das System.“
  • Eltern die zusätzlich mit ihren Kindern Lernen sind überehrgeizig.
  • „Es ist nicht nötig, dass die Kinder irgendetwas zuhause lernen.“

Die Grundhaltung des Kultusministeriums zum Lernen in der 4. Klasse

Dabei ist laut Grundschulabteilung des Kultusministeriums sehr wohl erwünscht, dass die Kinder auf die Proben lernen. Es soll nicht nur die natürliche Begabung der Kinder getestet werden, sondern auch das „Sitzfleisch“. Denn eine höhere Schule können nicht nur Kinder besuchen, die außerordentlich klug sind, sondern auch die Kinder, die bereit sind sich ausreichend vorzubereiten. Dieses Verfahren war bei Marta nicht angekommen oder sie wollte es nicht unterstützen.

Hausaufgaben als Unterstützung oder Behinderung zum Lernen

  • Wolfgang nannte nicht nur die Hausaufgaben der gesamten kommenden Woche im Voraus. Er legte auch die Hausaufgaben so, dass sie das Lernen für die Proben unterstützen. Stand eine Probe in einem Fach an, bestanden die Hausaufgaben fast ausschließlich im Wiederholen des Stoffen. Andere Fächer wurden auf ein Minimum reduziert. In der Regel erfolgte die Vorbereitung auf die Probe schriftlich. Es gab aber auch schon mal am Tag vor der Probe „hausaufgabenfrei“ mit der Bitte an die Kinder, die Zeit fleißig zum Lernen zu Nutzen.
  • Marta gab an Tagen vor der Probe besonders viel Hausaufgaben, allerdings betrafen diese fast ausschließlich die anderen Fächer. Stand z.B. eine Matheprobe an, mußten die Kinder an diesen Tagen oft für Deutsch derart viel abschreiben, dass die Kapazität zum Lernen an diesem Nachmittag schon erschöpft war. Das zeitliche Pensum der schriftlichen Hausaufgaben, die zur anstehenden Probe fachfremd waren, belief sich dann sich mal auf 2 Stunden. War die Probe vorbei, vielen die Hausaufgabenzeiten deutlich unter eine Stunde. Als Belohnung für die Probe gab es sogar nach der Probe auch mal hausaufgabenfrei.

c) Transparenz

Transparenz zum Stoffumfang

  • Wolfgang informierte die Kinder und Eltern über den Stoff der kommenden Proben schon bei der Ankündigung der Probe. Die zu lernenden Einträge in den Heften wurden angekreuzt und den Kindern wurde genau gesagt, was sie alles vorbereiten sollten, und sogar, was sie nicht vorbereiten müßten, weil es nicht dran käme. Wolfgang sorgte dafür, dass die Kinder seiner 4. Klasse lernten,  sich immer die nötigen Unterlagen für die kommenden Proben in die Schulranzen zu stecken, besonders am Wochenende vor der anstehenden Probe.
  • Marta dagegen benannte den Stoff gar nicht. Auf Nachfrage der Eltern kam manchmal sogar ein pauschales „Es kann alles drankommen.“ Da sie vor allem mit Arbeitsblättern arbeitete, viel besonders stark auf, dass sie oft am Wochenende vor der Probe die Arbeitsblätter von den Kindern in einen Ordner einheften lies. Dieser Ordner blieb dann natürlich in der Schule und die Materialien waren für eine selbst zusammengestellten Stoffüberblick dann nicht mehr verfügbar.  Die häusliche Vorbereitung wurde damit oft zum munteren Rätselraten über den Stoff und war nur noch über gekaufte Bücher und das Internet möglich.

Schriftliche Stoffsammlung: Beispiel Hefteinträge zum Thema „Wasser“ in HSU

  • Wolfgang lies z.B. zum Thema „Wasser“ in HSU 11 Heftseiten eintragen. Konnte man alles aus dem Heft perfekt, und sonst nichts, bekam man die Note 2.
  • Marta lies zum gleichen Thema nur 3,5 Seiten im HSU-Heft eintragen. Viele der Teilthemen, die im Heft nicht standen, wurden mündlich behandelt. Das hatte zur Folge, dass das Anforderungsniveau so verschob, dass nur 33% des geprüften Stoffes dieser Probe auch im Heft zu finden war. Konnte man den Stoff im Heft perfekt, und sonst nichts, bekam man eine auch mal ein Note 4.

D) Abstände der Proben

  • Wolfgang verteilte seine Proben immer so, dass man in der Regel eine Probe in der Woche schrieb. Das hatte sicherlich den Nachteil, dass nur sehr wenige Wochen im Schuljahr probefrei waren. Das hatte aber den besonders wichtigen Vorteil, dass die Kinder in der Regel auch immer mindesten 8 Tage Vorbereitungszeit zwischen den Proben hatten.
  • Marta schrieb den Großteil Ihrer Proben in größeren Abständen in einem Ruck. Für 4 Deutschproben, eine Matheprobe und eine HSU Probe hieß das, dass 6 Proben in 3 Wochen geschrieben wurden. Das bedeutet auch, dass faktisch trotz 8 Tage Ankündigungszeit nur 3,5 Tage für die Vorbereitung einer Probe blieben. Das Verfahren hatte vielleicht den Vorteil, dass es immer mehrere probefreie Wochen gab, in denen nicht geprüft wurde. Aber letztendlich wurde jeder Probenblock eine unvergleichbare Stresssituation.

D) Transparenz der Korrekturen und Probenergebnisse

Wohlwollende und nichtwohlwollende Korrekturen

  • Wolfgangs Korrekturen waren komplett nachvollziehbar. An jeder Stelle war klar, für was es einen Punkt gab oder einen Punktabzug. Dadurch waren für die Eltern die Korrekturen auch überprüfbar.
  • Martas Korrekturen waren häufig fehlerhaft, oft nicht transparent oder wirkten willkürlich. Gab es z.B. für eine Sachaufgabe 4 Punkte und das Kind hatte diese nicht korrekt gelöst, war für die Eltern nicht nachvollziehbar, weshalb 1,5 Punkte vergeben wurden und nicht etwa 2,5. Die Proben enthielten manchmal keine geltenden Korrekturhäkchen (für „ein Punkt“ oder „halber Punkt“), so dass nicht klar war, für was Marta Punkte vergab, oder warum es zu einen Abzug kam.  Waren verschiedene Lösungsantworten möglich und entsprach die Lösung des Schülers aber nicht den Erwartungen von Marta, galt nicht der Leitsatz: „Im Zweifel für den Schüler“. In einem solchen Fall gab sie dann auch schon mal 0 von 2 Punkten, obwohl der Schüler eine richtige Antwortalternative gewählt hatte. Solche Ungereimtheiten sind vor allem dann schwierig, wenn es nur einen halben Punkt gebraucht hätte, um die bessere Note zu bekommen.

Transparenz der Probeergebnisse

  • Wolfgang Proben enthielten immer die erreichbaren Punkte pro Aufgabe. Die Punkte-Noten-Verteilung wurde den Schülern mitgeteilt. So konnten die Eltern nachvollziehen, wie viele Punkte zur besseren Note fehlten. Bei der Rausgabe der Probe teilte Wolfgang den Kindern den Notendurchschnitt und den Notenspiegel mit.
  • Marta druckte die erreichbaren Punkte manchmal nicht auf die Proben. Die Punkte-Notenverteilung nannte sie nie. Auch wurden den Schülern bei der Rückgabe der Proben nie der Notendurchschnitt oder der Notenspiegel mitgeteilt. Im Gegenteil: Marta sagte den Schülern sie sollten nicht mit den anderen Schülern über Ihre Ergebnisse sprechen. Außerdem behauptete sie, dass die Eltern die Proben zuhause nicht kopieren dürften, weil das Urheberrecht die Schule hätte und das deswegen nicht erlaubt sei (was natürlich Unsinn ist). Es liegt auf der Hand, dass Marta sich nicht in die Karten gucken lassen wollte.

Zusammenfassend

Kommt man jetzt auf den Sachverhalt zurück, dass Marta Eignungszahlen erheblich schlechter lagen als Wolfgangs (hier), überrascht dies im Hinblick auf die Intransparenz des Stoffes, den nicht verfügbaren Lernmaterialen nicht und den nachwohlwollenden Korrekturen nicht mehr. Insgesamt gesehen war Marta kommuniziertes Ziel die Stressbelastung der Kinder gering zu halten. Tatsächlich war der Stress zunächst für die Eltern, die gerne mit ihren Kindern die Proben vorbereiten wollten aber um ein vielfaches höher als bei Wolfgang, weil sie den zu lernenden Stoff zuhause sammeln mußten und sichten mußten. Im zweiten Schritt war der Vorbereitungsstress für die Kinder auch viel größer, da durch die Unklarheit des relevanten Stoffes sie vorsichtshalber auch deutlich mehr vorbereiten mußten, um eine Chance auf die Note 2 zu bekommen, die ja nur dann erreicht wird, wenn die Kinder mehr können, als im Heft steht (Anforderungsstufen I, II.:). Die Kinder mit Marta hatten deutlich schlechtere Bildungschancen als die Kinder bei Wolfgang.

Da Marta die Begabung der Kinder testen wollten, und nicht deren Fleiß, testete sie mit der Intransparenz des Stoffes auch auch Bildungsniveau der Eltern. Dann je höher dieses war, desto visierter konnten die Eltern den zu vorbereitenden Stoff eruieren.

Insgesamt gesehen war das Niveau bei Wolfgang in München höher, bei gleichzeitig besseren Notendurchschnitten der Klassenarbeiten, wesentlich höheren Empfehlungsquoten fürs Gymnasium und die Realschule, und erheblich weniger Stress für die Kinder und Eltern.